Wer entscheidet eigentlich, was Sie jetzt erledigen?

Multitasking Mann

Warum Sie nicht jede wichtige E-Mail sofort beantworten müssen

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie arbeiten im Sekretariat und haben gerade alle Hände voll zu tun. Ihr Vorgesetzter hat Sie gebeten, noch etwas für eine anstehende Besprechung vorzubereiten. Die Zeit ist knapp, die Besprechung beginnt in Kürze und Sie stehen unter Druck.

Zwischendurch schauen Sie in Ihren E-Mail-Posteingang. Eine Nachricht von einem wichtigen Kunden ist eingetroffen. Natürlich möchten Sie diese möglichst schnell beantworten. Also unterbrechen Sie Ihre Arbeit, lesen die Nachricht und formulieren eine Antwort.

Weil Sie gedanklich eigentlich noch bei der Besprechungsvorbereitung sind und die Zeit drängt, fällt Ihre Antwort allerdings nicht besonders gelungen aus. Der Kunde fühlt sich nicht angemessen behandelt und beschwert sich.

Jetzt ist der Ärger groß. Und die Frage steht im Raum: Wer ist für diese Situation verantwortlich?

Genau über diesen Fall habe ich kürzlich in einem Seminar mit Sekretärinnen diskutiert. Die Reaktionen waren interessant – und haben mich anschließend noch länger beschäftigt.

Denn für mich steckt in dieser Geschichte eine grundsätzliche Frage, die weit über das Thema E-Mail-Management hinausgeht:

Wie viel Einfluss haben wir eigentlich darauf, wie stressig unser Arbeitsalltag wird?

„Aber der Chef ist doch auch schuld!“

Einige Teilnehmerinnen waren der Meinung, dass auch der Vorgesetzte eine Mitschuld an der missglückten Kundenantwort trägt. Schließlich hatte er der Sekretärin kurz vor der Besprechung noch eine Aufgabe gegeben. Dadurch sei der Zeitdruck überhaupt erst entstanden.

Diesen Gedanken kann ich nachvollziehen. Natürlich haben Führungskräfte Einfluss auf die Arbeitsbelastung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wer ständig kurzfristige Aufgaben verteilt, unklare Prioritäten setzt oder unrealistische Erwartungen formuliert, trägt dazu bei, dass Stress entsteht.

Trotzdem habe ich die Situation etwas anders betrachtet.

Ich habe die Teilnehmerinnen gefragt:

„Warum hat die Sekretärin die Kundenmail überhaupt in diesem Moment beantwortet?“

Darauf gab es zunächst keine eindeutige Antwort. Die Mail war wichtig. Es handelte sich schließlich um einen Kunden. Und Kunden sollen nicht warten müssen.

Aber stimmt das wirklich?

Musste dieser Kunde tatsächlich innerhalb der nächsten fünf Minuten eine Antwort bekommen? Oder hätte es vollkommen ausgereicht, wenn die Sekretärin ihm eine halbe Stunde später geschrieben hätte?

Diese Frage verändert die gesamte Betrachtung der Situation.

Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, wer den Stress verursacht hat. Es geht darum, welche Möglichkeiten die Sekretärin hatte, mit der Situation umzugehen.

Und genau hier beginnt das, was ich unter meinem Motto „Gestalten statt Aushalten“ verstehe.

Wichtig ist nicht dasselbe wie dringend

Eine der größten Herausforderungen im Büroalltag besteht darin, wichtige und dringende Aufgaben auseinanderzuhalten.

Das klingt zunächst selbstverständlich. In der Praxis werden diese beiden Begriffe jedoch häufig gleichgesetzt.

Eine E-Mail eines wichtigen Kunden ist wichtig. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass sie sofort beantwortet werden muss.

Eine Besprechung, die in 20 Minuten beginnt und für die noch Unterlagen fehlen, hat dagegen eine klare zeitliche Grenze.

In unserem Seminarbeispiel lagen also zwei Aufgaben vor, die beide wichtig waren. Aber nur eine davon musste tatsächlich innerhalb der nächsten Minuten erledigt werden.

Die Sekretärin hätte sich deshalb entscheiden können, zunächst die Besprechungsvorbereitung abzuschließen und sich anschließend in Ruhe um die Kundenmail zu kümmern.

Das hätte an der Menge ihrer Arbeit nichts geändert. Sie hätte immer noch beide Aufgaben erledigen müssen.

Aber sie hätte die Reihenfolge bewusst festgelegt, statt sich von der nächsten eingehenden Nachricht aus ihrer Arbeit reißen zu lassen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Wenn ein Kunde wegen eines akuten Problems sofort eine Entscheidung benötigt oder eine verbindliche Reaktionszeit vereinbart wurde, kann eine schnelle Antwort notwendig sein.

Entscheidend ist jedoch, dass wir die Dringlichkeit tatsächlich prüfen. Denn nur weil eine Nachricht gerade eingetroffen ist, bedeutet das nicht, dass sie sofort bearbeitet werden muss.

Der Posteingang entscheidet nicht über Ihre Prioritäten

Ich beobachte in meinen Seminaren und Arbeitsplatzcoachings immer wieder eine typische Arbeitsweise: Viele Menschen haben Outlook den ganzen Tag geöffnet und schauen regelmäßig in ihren Posteingang.

Manchmal geschieht das ganz bewusst. Häufig ist es aber längst zur Gewohnheit geworden.

Eine neue Nachricht erscheint, und schon wandert die Aufmerksamkeit dorthin.

Vielleicht wird die E-Mail zunächst nur gelesen. Vielleicht wird sie direkt beantwortet. Vielleicht entsteht daraus eine neue Aufgabe, die ebenfalls sofort erledigt wird.

Und ehe man sich versieht, ist man mit etwas völlig anderem beschäftigt als noch vor wenigen Minuten.

Das Problem dabei ist nicht, dass E-Mails bearbeitet werden. Das gehört selbstverständlich zur Büroarbeit. Das Problem entsteht, wenn der Zeitpunkt des E-Mail-Eingangs darüber entscheidet, was wir als Nächstes tun. Denn damit überlassen wir die Steuerung unseres Arbeitstages ein Stück weit anderen Menschen.

Ein Kunde schreibt um 10:17 Uhr eine Nachricht. Ein Kollege schickt um 10:23 Uhr eine Rückfrage. Um 10:29 Uhr kommt eine Information aus einer anderen Abteilung.

Wenn wir jede dieser Nachrichten sofort bearbeiten, bestimmen die Absender durch den Zeitpunkt ihrer E-Mails unseren Arbeitsablauf. Dabei wissen sie wahrscheinlich gar nicht, woran wir gerade arbeiten. Sie wissen nicht, dass in 20 Minuten eine wichtige Besprechung beginnt. Sie wissen nicht, dass wir gerade eine schwierige Aufgabe lösen oder eine Entscheidung vorbereiten. Und in den meisten Fällen erwarten sie vermutlich auch gar nicht, dass wir innerhalb weniger Minuten antworten.

Eine neue E-Mail ist keine neue Priorität.

Diesen Satz sollten Sie sich vielleicht neben Ihren Bildschirm hängen.

Warum wir trotzdem sofort reagieren

Vielleicht erkennen Sie sich in diesem Verhalten wieder. Dann lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen.

Warum unterbrechen Sie eigentlich Ihre Arbeit, sobald eine neue E-Mail eintrifft?

Häufig steckt dahinter ein durchaus positiver Anspruch: Wir möchten zuverlässig sein, guten Service bieten und niemanden warten lassen.

Gerade im Sekretariat und in der Assistenz ist dieser Servicegedanke stark ausgeprägt. Schließlich besteht ein wichtiger Teil der Arbeit darin, andere Menschen zu unterstützen, Informationen bereitzustellen und dafür zu sorgen, dass Abläufe funktionieren.

Das ist eine wertvolle Haltung.

Problematisch wird es allerdings, wenn aus Serviceorientierung eine ständige Bereitschaft zur sofortigen Reaktion wird.

Vielleicht denken Sie: „Wenn ich die Mail jetzt schnell beantworte, habe ich sie wenigstens erledigt.“

Oder: „Sonst vergesse ich das nachher.“

Möglicherweise haben Sie auch die Erfahrung gemacht, dass andere ungeduldig werden, wenn sie nicht schnell genug eine Antwort bekommen.

Manchmal gibt es dafür tatsächlich gute Gründe. In anderen Fällen haben wir uns die Erwartung, immer sofort reagieren zu müssen, jedoch selbst auferlegt.

Und genau das sollten wir hinterfragen.

Wer schnell antwortet, arbeitet nicht automatisch professioneller.

Gerade bei wichtigen oder sensiblen Kundenanfragen kann eine sorgfältig formulierte Antwort nach 30 Minuten deutlich besser sein als eine hastig geschriebene Nachricht nach drei Minuten.

Professioneller Service bedeutet schließlich nicht nur Schnelligkeit. Es geht auch um Qualität, Verlässlichkeit und angemessene Kommunikation.

Wenn wir ständig zwischen Aufgaben wechseln, machen wir uns die Arbeit schwerer

Kehren wir noch einmal zu unserer Sekretärin zurück.

Sie sitzt an der Vorbereitung für die Besprechung. Wahrscheinlich muss sie Informationen zusammentragen, Unterlagen kontrollieren oder letzte Änderungen einarbeiten.

Gedanklich ist sie auf diese Aufgabe eingestellt.

Dann kommt die Kundenmail.

Jetzt muss sie sich in einen anderen Sachverhalt hineindenken, die Anfrage verstehen, eine passende Antwort überlegen und diese formulieren.

Gleichzeitig weiß sie, dass die Besprechung immer näher rückt.

Vielleicht schaut sie zwischendurch auf die Uhr. Vielleicht denkt sie während des Schreibens schon wieder an die noch fehlenden Unterlagen.

Die Kundenantwort wird dadurch nicht unbedingt besser.

Anschließend muss sie sich erneut in die Besprechungsvorbereitung hineindenken.

Es sind also nicht nur zwei Aufgaben zu erledigen. Hinzu kommen die gedanklichen Wechsel zwischen diesen Aufgaben.

Und genau diese Wechsel können den Arbeitsalltag unnötig anstrengend machen.

Ich erlebe häufig, dass Menschen am Ende eines solchen Tages sagen: „Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, aber irgendwie nichts richtig geschafft.“ Dabei haben sie durchaus viel erledigt. Sie haben nur ständig zwischen verschiedenen Tätigkeiten gewechselt, auf neue Anforderungen reagiert und immer wieder neu angesetzt.

Nicht immer ist die Arbeitsmenge das größte Problem. Manchmal ist es die Art, wie wir die Arbeit organisieren.

Das bedeutet nicht, dass sich jede Unterbrechung vermeiden lässt. Gerade im Sekretariat gehören spontane Anfragen, Telefonate und kurzfristige Aufgaben zum Alltag. Aber wir sollten unterscheiden zwischen Unterbrechungen, die tatsächlich notwendig sind, und solchen, die wir selbst verursachen. Das ständige Kontrollieren des E-Mail-Posteingangs gehört häufig zur zweiten Kategorie.

Was hätte die Sekretärin anders machen können?

Betrachten wir die Situation einmal aus einer anderen Perspektive.

Die Sekretärin weiß, dass die Besprechung bald beginnt. Sie hat noch etwa 30 Minuten Zeit, um die letzten Vorbereitungen abzuschließen.

Sie entscheidet deshalb, sich jetzt ausschließlich auf diese Aufgabe zu konzentrieren.

Der Posteingang bleibt in dieser Zeit geschlossen. Alternativ deaktiviert sie zumindest die Benachrichtigungen in Outlook und schaut nicht zwischendurch nach neuen Nachrichten.

Nach Abschluss der Besprechungsvorbereitung öffnet sie Outlook. Sie sieht die Nachricht des wichtigen Kunden, liest sie aufmerksam und überlegt, welche Antwort angemessen ist. Vielleicht prüft sie noch einen Sachverhalt oder stimmt sich kurz mit einer Kollegin ab. Dann formuliert sie ihre Antwort.

Der Kunde erhält seine Nachricht etwas später, dafür aber sorgfältig und professionell.

Die Besprechung wurde rechtzeitig vorbereitet. Und die Sekretärin musste nicht ständig zwischen zwei Aufgaben wechseln.

Es wäre nicht weniger Arbeit gewesen. Aber die Arbeit wäre anders organisiert worden.

Natürlich wissen wir nicht, ob in diesem konkreten Fall tatsächlich alles so reibungslos funktioniert hätte. Vielleicht hätte sich aus der Kundenanfrage doch noch eine dringende Angelegenheit ergeben.

Aber genau darum geht es: nicht automatisch zu reagieren, sondern zunächst eine bewusste Entscheidung zu treffen.

Nicht alles liegt in Ihrer Hand – aber möglicherweise mehr, als Sie denken

An dieser Stelle möchte ich etwas klarstellen.

Ich bin nicht der Meinung, dass Beschäftigte grundsätzlich selbst für ihren Stress verantwortlich sind.

Es gibt Arbeitsplätze, an denen tatsächlich zu viel Arbeit anfällt. Es gibt Vorgesetzte, die ständig kurzfristige Anforderungen stellen. Es gibt widersprüchliche Erwartungen, fehlende Absprachen und Situationen, in denen mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden sollen.

Diese Probleme lassen sich nicht dadurch lösen, dass man seinen Posteingang seltener öffnet.

Und selbstverständlich tragen auch Führungskräfte Verantwortung dafür, dass Aufgaben sinnvoll verteilt und Prioritäten geklärt werden.

Aber selbst unter schwierigen Rahmenbedingungen lohnt sich eine Frage:

Was davon kann ich beeinflussen?

Vielleicht können Sie nicht verhindern, dass Ihr Chef Ihnen kurz vor einer Besprechung noch eine Aufgabe überträgt. Aber Sie können möglicherweise entscheiden, dass Sie in den nächsten 20 Minuten nicht zusätzlich Ihren Posteingang bearbeiten.

Vielleicht können Sie nicht verhindern, dass ein Kunde eine dringende Antwort erwartet. Aber Sie können nachfragen, bis wann die Antwort tatsächlich benötigt wird.

Vielleicht können Sie nicht selbst festlegen, welche von zwei Aufgaben Vorrang hat. Aber Sie können Ihren Vorgesetzten darauf aufmerksam machen, dass beide Aufgaben nicht gleichzeitig erledigt werden können, und um eine Priorisierung bitten.

Zum Beispiel so:

„Ich bereite gerade die Unterlagen für Ihre Besprechung um 11 Uhr vor. Gleichzeitig liegt eine wichtige Kundenanfrage vor. Was soll ich zuerst erledigen?“

Das ist keine Verweigerung. Es ist professionelle Arbeitsorganisation. Und es bedeutet auch nicht, dass Sie die Verantwortung für Ihre Arbeit abgeben. Im Gegenteil: Sie machen deutlich, welche Anforderungen gerade bestehen, und sorgen dafür, dass Prioritäten bewusst gesetzt werden.

Gestaltungsspielraum bedeutet nicht, dass Sie alles selbst bestimmen können. Es bedeutet, dass Sie die Möglichkeiten nutzen, die Sie tatsächlich haben.

Drei Fragen, die Ihnen helfen, bewusster zu entscheiden

Wenn Sie das nächste Mal während einer wichtigen Aufgabe unterbrochen werden oder eine neue E-Mail entdecken, stellen Sie sich drei Fragen.

Muss ich mich wirklich jetzt darum kümmern?

Nicht jede wichtige Angelegenheit muss sofort erledigt werden.

Fragen Sie sich deshalb: Was würde passieren, wenn ich diese Aufgabe erst in 30 Minuten bearbeite?

Entsteht dadurch ein tatsächliches Problem? Wird eine Frist versäumt? Muss jemand dringend auf eine Entscheidung warten?

Oder ist die Aufgabe einfach nur neu?

Gerade diese Unterscheidung kann viel Stress vermeiden.

Was passiert, wenn ich meine aktuelle Aufgabe unterbreche?

Manchmal erscheint es uns einfacher, eine neue Aufgabe schnell dazwischenzuschieben.

Dabei übersehen wir, dass wir anschließend wieder zu unserer ursprünglichen Tätigkeit zurückkehren müssen.

Vielleicht müssen wir Unterlagen erneut durchsehen, Gedanken wieder aufnehmen oder uns noch einmal in einen Sachverhalt einarbeiten.

Fragen Sie sich deshalb, ob es nicht sinnvoller wäre, die aktuelle Aufgabe zunächst abzuschließen.

Wer bestimmt gerade meine Priorität?

Das ist für mich die wichtigste Frage.

Haben Sie bewusst entschieden, dass die neue Aufgabe Vorrang hat?

Hat Ihr Vorgesetzter eine klare Priorität gesetzt?

Oder reagieren Sie lediglich deshalb, weil gerade eine E-Mail eingetroffen ist?

Es lohnt sich, diesen Unterschied wahrzunehmen.

Denn wer seine Prioritäten nicht bewusst festlegt, läuft Gefahr, ständig auf die Prioritäten anderer zu reagieren.

Mein Praxistipp: Machen Sie den 30-Minuten-Test

Vielleicht denken Sie jetzt: „Das klingt ja alles gut. Aber bei uns im Büro muss ich ständig erreichbar sein.“

Dann möchte ich Ihnen eine kleine Übung vorschlagen:

➡️Nehmen Sie sich an einem Arbeitstag eine wichtige Aufgabe vor, für die Sie ungefähr 30 Minuten benötigen.

➡️Suchen Sie sich möglichst einen Zeitraum aus, in dem Sie nicht ausdrücklich für dringende Anfragen zuständig sind.

➡️Schließen Sie Outlook für diese Zeit oder deaktivieren Sie zumindest die Benachrichtigungen. Falls Sie für echte Notfälle erreichbar bleiben müssen, vereinbaren Sie dafür einen anderen Kommunikationsweg, beispielsweise das Telefon.

➡️Arbeiten Sie die Aufgabe konzentriert zu Ende.

➡️Anschließend öffnen Sie Ihren Posteingang und prüfen die inzwischen eingegangenen Nachrichten.

❓Welche dieser E-Mails hätte tatsächlich innerhalb der vergangenen 30 Minuten beantwortet werden müssen?

Vielleicht stellen Sie fest, dass keine einzige dabei war.

Vielleicht gab es eine Nachricht, die tatsächlich dringend gewesen wäre. Dann überlegen Sie, wie solche Fälle künftig zuverlässig erkannt werden können, ohne dass Sie ständig alle E-Mails kontrollieren müssen.

Wiederholen Sie diesen Test ruhig an mehreren Tagen.

Es geht nicht darum, möglichst lange nicht erreichbar zu sein. Es geht darum, herauszufinden, welche Erreichbarkeit tatsächlich notwendig ist – und welche Sie sich möglicherweise nur angewöhnt haben.

Gestalten statt Aushalten: Verlassen Sie die Schuldfrage

Kommen wir zum Schluss noch einmal zu meiner Diskussion im Seminar zurück.

War der Chef schuld daran, dass die Sekretärin eine unglückliche Kundenmail geschrieben hat?

Vielleicht hat er durch seine kurzfristige Aufgabe zum Zeitdruck beigetragen. Vielleicht hätte er früher kommunizieren oder seine Anforderungen klarer formulieren können.

Aber selbst wenn das so war, bleibt eine wichtige Frage offen:

Was hätte die Sekretärin selbst anders machen können?

Genau diese Frage interessiert mich.

Denn solange wir ausschließlich darüber nachdenken, wer für unseren Stress verantwortlich ist, beschäftigen wir uns vor allem mit Dingen, die wir möglicherweise gar nicht verändern können.

Das Verhalten unseres Vorgesetzten. Die Erwartungen unserer Kunden. Die kurzfristigen Anfragen unserer Kollegen.

Natürlich dürfen und sollten wir problematische Arbeitsbedingungen ansprechen.

Aber gleichzeitig können wir unseren eigenen Handlungsspielraum nutzen. Selbst wenn man den Eindruck hat, fremdgesteuert zu sein.

Wir können bewusster entscheiden, wann wir E-Mails bearbeiten. Wir können Aufgaben priorisieren. Wir können Rückfragen stellen, wenn Anforderungen miteinander konkurrieren. Und wir können aufhören, jede neue Nachricht automatisch als sofortigen Arbeitsauftrag zu behandeln.

Das wird nicht jeden stressigen Arbeitstag verhindern. Aber es kann dazu beitragen, dass wir uns weniger von äußeren Anforderungen treiben lassen.

Sie können nicht immer bestimmen, welche Aufgaben auf Ihrem Schreibtisch landen. Aber Sie können häufiger bestimmen, in welcher Reihenfolge Sie sie erledigen.

Und manchmal beginnt ein entspannterer Arbeitstag mit einer ganz einfachen Entscheidung:

Diese E-Mail kann noch 30 Minuten warten.

Gestalten statt Aushalten.


Häufige Fragen: E-Mails, Prioritäten und Stress im Büro

Wie schnell sollte ich auf geschäftliche E-Mails antworten?

Das hängt von der Dringlichkeit, den vereinbarten Reaktionszeiten und der Art der Anfrage ab. Nicht jede geschäftliche E-Mail muss innerhalb weniger Minuten beantwortet werden. Wichtig ist, dass dringende Anliegen zuverlässig erkannt werden und andere Nachrichten innerhalb eines angemessenen Zeitraums bearbeitet werden.

Ist es unprofessionell, Outlook während einer wichtigen Aufgabe zu schließen?

Nein. Wenn Ihre Tätigkeit keine permanente E-Mail-Erreichbarkeit erfordert, kann es sinnvoll sein, Outlook zeitweise zu schließen oder Benachrichtigungen zu deaktivieren. Entscheidend ist, dass Sie notwendige Erreichbarkeiten berücksichtigen und gegebenenfalls einen anderen Weg für wirklich dringende Anliegen vereinbaren.

Was kann ich tun, wenn mein Chef ständig kurzfristige Aufgaben verteilt?

Sprechen Sie die Auswirkungen auf Ihre Arbeitsplanung sachlich an. Wenn mehrere Aufgaben gleichzeitig dringend erscheinen, fragen Sie nach der Priorität. Hilfreich kann auch eine Vereinbarung darüber sein, welche Aufgaben sofort erledigt werden müssen und bei welchen eine spätere Bearbeitung möglich ist.

Wie kann ich meine E-Mails bearbeiten, ohne ständig den Posteingang zu kontrollieren?

Eine Möglichkeit besteht darin, feste Zeiten für die E-Mail-Bearbeitung einzuplanen. Beispielsweise können Sie Ihren Posteingang morgens, mittags und nachmittags bearbeiten. Ob drei Zeitfenster ausreichen oder Sie häufiger nachsehen müssen, hängt von Ihren Aufgaben und den Anforderungen Ihres Arbeitsplatzes ab.

Wie unterscheide ich wichtige von dringenden Aufgaben?

Eine wichtige Aufgabe trägt wesentlich zu Ihren Zielen, Ergebnissen oder Verpflichtungen bei. Eine dringende Aufgabe erfordert dagegen eine zeitnahe Reaktion, weil beispielsweise eine Frist abläuft oder unmittelbare Folgen entstehen. Eine Aufgabe kann wichtig sein, ohne sofort erledigt werden zu müssen.

Was bedeutet „Gestalten statt Aushalten“ im Büroalltag?

Es bedeutet, den eigenen Handlungsspielraum bewusst zu nutzen, statt ausschließlich auf äußere Anforderungen zu reagieren. Dazu gehören beispielsweise das Festlegen von Prioritäten, das Reduzieren unnötiger Unterbrechungen, klare Absprachen und eine Arbeitsorganisation, die zu den tatsächlichen Anforderungen passt. Dabei geht es nicht darum, alle Probleme allein lösen zu müssen, sondern die eigenen Einflussmöglichkeiten zu erkennen und sinnvoll einzusetzen.

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